Feigenblatt · 2009 · DE
Feigenblatt
Sie sind eher zufällig in den 80er-Jahren in London auf die Fetisch-Szene gestoßen und waren sofort davon fasziniert. Gab es zuvor nichts vergleichbares? Ist die Fetisch-Szene im grellen Stil der 80er-Jahre verwurzelt? Es gab in der Tat nichts Vergleichbares. In London wurde den bislang amateurhaften und schmuddeligen Fetischheftchen, die ich bis dato kannte, etwas künstlerisch und modisch Hochgestyltes gegenübergestellt. Das war für mich ein absolutes Schlüsselerlebnis. Sie können den "Marquis" in Deutschland nicht am Kiosk verkaufen. Was wirft man Ihnen denn vor? Pornografie. Schon wenige Worte und Bilder können es ausmachen, schon ein einziger reaktionärer Staatsanwalt irgendwo in Deutschland kann das Heft einziehen lassen, was den sicheren finanziellen Ruin bedeuten würde. Wir müssten jedes Heft von Anwälten prüfen lassen, und zwar vor der Drucklegung, was schwer praktikable und teuer ist. Der Vertrieb verlangt ein Gutachten, daß dem Verkauf nichts entgegensteht. Das schützt aber im Ernstfall auch nicht vor Anzeigen. In dieser Beziehung ist unser Land reaktionärer als jedes andere in Europa (Marquis ist in vielen anderen Ländern am Kiosk erhältlich, sogar in den USA). Man definiert Fetischismus als erotisches Verhältnis zu Dingen, Kleidungsstücken oder einzelnen Körperteilen. Tritt darüber der Mensch als Ziel der Liebe oder des Begehrens in den Hintergrund? Diese herkömmliche, pathologische Definition von Fetischismus ist eher der seltene Einzelfall. Moderne Fetischisten genießen ihre Neigungen und leben sie mit dem Partner aus. Der Anfang der 90er noch eklatante Männerüberschuß ist Geschichte; auf den heutigen Fetischparties finden sich überwiegend Paare, und auch viele Solofrauen. Wir sehen unsere Fetische eher als spannendes Beiwerk, das mit einem geliebten Menschen erst richtig Spaß macht. Ist ein nackter Mensch für einen Fetischisten reizvoll? Selbstverständlich – es gibt Menschen, deren Körper ein Fetisch sind! Dazu gehören besonders schöne Menschen, mit besonders aufregenden Körpern, oder auch Bodybuilder. Busen und Po sind klassische Fetische, ebenso Haare, Fingernägel, Lippen, Füße… Kritiker werfen den Fetischisten vor, sie sähen Frauen nur als Objekte. Was würden sie ihnen entgegnen? Genau so ist es: Objekte – der Begierde! Und wenn sie selbstbewußt genug sind, können Frauen das sehr genießen. Ebenso sind manche Männer gern Objekte, lassen sich von Frauen lustvoll zu solchen degradieren. Die Rollenspiele beim Fetischismus ähneln sehr stark denen beim Sadomasochismus. Sind das überhaupt unterschiedliche Szenen oder sind eher beides zwei Aspekte der gleichen Sache? Da gibt es Schnittmengen, aber generell sind Fetischisten weniger auf Schmerz empfinden/zufügen aus, weniger extrem, sondern sehen das nur als spannendes Rollenspiel. Fetischisten lieben die Inszenierung und das Outfit, eben den Fetisch, während viele SMler darauf verzichten können und z.B. den bei Fetischparties üblichen Dresscode geringschätzen. Wir von MARQUIS haben das immer getrennt, was unseren Erfolg begründet hat. Der Fetischist ist eben nicht (notwendigerweise) der, der zur Domina geh, um sich quälen zu lassen. Manche Dominas berichten aber über Kunden, die einfach nur in Gummi kuscheln wollen. Beim Thema Fetisch haben wir vor allem zu Sex-Göttinnen gestylte Frauen vor uns. Wie steht es mit der Lust der Männer, in eine andere Haut zu schlüpfen? Oder ist Fetischismus aus männlicher Sicht eher Voyeurismus? Sehr viele Männer wollen sich selbst „verpuppen“, d.h zu einer Gummipuppe werden, am liebsten unter der strengen Regie einer Frau. Auch wenn sie perfekt gestylte Gummimädchen sein wollen, sind sie absolut hetero. Korsetts sind zur Zeit bei Männern schwer in. Ebenso gibt es aber auch Voyeure, die den Fetisch nur an ihrer Partnerin sehen und erleben wollen, ohne sich selbst zu verkleiden. Dazu zähle ich auch. Mode ist bei Frauen einfach spannender, und Fetischismus ist auch eine Art Mode, besonders der moderne. Bei Ihren Bildern fällt sofort die liebevolle Inszenierung ins Auge. Macht es da überhaupt einen Unterschied, was für eine Person in all den Korsagen, Nylons und Latexkleidern steckt? Es macht sogar einen Unterschied, wer eine Maske trägt! Menschen haben so unterschiedliche Kopf- und Gesichtsformen, dass die gleiche Maske völlig unterschiedlich wirken kann. Arbeiten Sie bei den Shootings eher spontan und mit den Ideen des Modells oder haben Sie einen genauen Plan im Kopf? Wir arbeiten spontan, aber eher nach meinen Eingebungen. Die Modelle sind selten in der Lage, die Möglichkeiten zu übersehen. Unser Team (Visagistin, Stylistin) entwickelt auch oft gute Ideen. Natürlich wird niemand überrumpelt, sondern es wird alles vorher abgestimmt. Topmodels haben schon eher klare Vorstellungen davon, was sie wollen und was nicht, aber selbst Dita von Teese hat sich vertrauensvoll von uns mit Silberfarbe bemalen lassen… Spielen bei den Shootings Moden und Szene-Trends eine Rolle? Die Kollektionen der Fetisch-Designer sind in den letzten Jahren immer komplexer und hochwertiger geworden, regelrechte Haute Couture. Die Fetischszene hat eigene Moden entwickelt, die oft mit neu entwickelten Materialien einhergehen, wie schwarz-transparentes Latex, oder jetzt aktuell das mit Spitzenmustern bedruckte Gummi von Marquis, das die aktuelle Mode im Mainstream widerspiegelt. Auch der Trend zum „gothic style“ findet sich in der Fetischszene wieder; aus der „dunklen Szene“ kommen immer mehr junge Leute zu uns. Das Wiederaufleben der „Burlesque“-Tänzerei hat ebenfalls die Fetischmode inspiriert, sie verspielter und bunter gemacht. Manche Ihrer Bilder haben ironische Züge, spielen mit den Klischees oder übertreiben bewusst. Ist dieser spielerische Umgang mit dem Fetisch typisch für die Szene? Nein, typisch ist das sicher nicht. Da ist sogar sehr oft ein gewisser Bierernst zu beobachten. Ich selbst jedoch nehme die Dinge nicht so ernst, spiele eher mit den Möglichkeiten. Klischees können witzig sein, wenn man sie übersteigert. In unserem Film „Rubber Company“ spießen wir die überhitzten Fantasien mancher Kunden auf, die glauben, wir würden den ganzen Tag im Büro in Gummi verbringen und Fetischspiele spielen. Ich finde es sehr wichtig, seinen Fetisch nicht zur Ersatzreligion zu machen, sondern bei allen ungewöhnlichen Vorlieben zum überwiegenden Teil ein normaler Mensch zu bleiben. Gibt es große Unterschiede zwischen der Arbeit mit einem professionellen Modell und einer Amateurin, die Sie für die Session bezahlt? Das Profimodell legt in der Regel sofort los, posiert und bringt sich ein. Sie ist sich ihrer selbst sicher und weiß, was von ihr erwartet wird. Bei der Shootingkundin muß ich oft erst das Eis brechen, Zutrauen herstellen, Möglichkeiten aufzeigen. Manchmal ist das ein intensives Coaching, wie man posiert, Herausfinden der „Schokoladenseite“ usw. Es geht aber meist sehr fix, und sobald die ersten Bilder auf dem Laptop erscheinen (der große Vorteil der Digitalfotografie – man sieht sofort wie’s wird!), ist die Begeisterung da und dann läuft es meist flüssig. Am Ende des Tages wissen aber alle, daß sie gearbeitet haben. Bis zu 1.000 Blitzauslösungen, die ganze Turnerei, die oft ungewohnte und restriktive Bekleidung (Korsetts, High Heels), die vielen visuellen Eindrücke. Die Shootings sind für mich immer eine Herausforderung, da bin ich voll konzentriert, während ich bei einem Profimodell schon mal „nur auslösen“ muß.